Wassersensible Planen und Bauen
Trockenheit, Wasserknappheit und Starkregen – die Folgen des Klimawandels sind in Bayern längst Realität. Zudem ist durch Flächenversiegelung und eine Siedlungsentwicklung, welche Regenwasser möglichst schnell ableitet, der natürliche Wasserkreislauf zunehmend aus dem Gleichgewicht geraten. Dies alles hat Auswirkungen auf unsere Grundwasserstände, die zunehmend sinken.
Die Landtags-Grünen fordern die Bayerische Staatsregierung deshalb auf, schnellstens gegenzusteuern. Neben der nötigen Renaturierung von Mooren und Bächen betrifft dies etwa auch die Kulturlandschaft, aber auch den Bausektor. Zu letzterem hat die Grünen-Fraktion heute das Antrags-Paket "Wassersensibles Planen und Bauen in Bayern" in den Bayerischen Landtag eingebracht. Ziel ist, das sogenannte Schwammstadtprinzip* als verbindlichen Planungsstandard in Bayern zu erreichen – denn das Thema Wasser wird im Bereich Bau bisher noch viel zu wenig berücksichtigt.
Das fordern die Landtags-Grünen u.a. in ihren Anträgen mit Blick auf den Bausektor:
- Das Thema Wasser muss bei der Siedlungsentwicklung von Anfang an verbindlich mitgedacht werden: Die Staatsregierung muss bestehende Gesetze um verbindliche Mindeststandards für Versickerung, Verdunstung und Rückhalt von Niederschlagswasser ergänzen. Wasserbewusste Siedlungsentwicklung muss als vorrangiger Planungsbelang verankert werden.
- Damit Kommunen das Schwammstadtprinzip möglichst gut umsetzen und gestalten können, wollen die Grünen eine ressortübergreifende Task-Force „Wassersensible Siedlungsentwicklung Bayern“ einrichten. Ein solches eng zusammenarbeitendes Arbeitsgremium, bestehend aus Vertreter*innen aus Politik, planenden Berufen und Handwerk, den kommunalen Spitzenverbänden und der Verbändekooperation „Wassersensibles Planen und Bauen“ **, soll Umsetzungsstandards und Musterlösungen vorlegen, die für Gemeinden und Städte die Planungen erleichtern und beschleunigen.
- Die Grünen fordern mit Blick auf Fördermöglichkeiten eine neutrale Beratungsstelle sowie eine Bündelung der verschiedenen Förderangebote. Grund: Aktuell müssen sich Kommunen, Planungsbüros und Bauherr*innen durch einen regelrechten Förder-Dschungel kämpfen, mit jeweils eigenen Fristen, eigenen Nachweisanforderungen und verschiedensten Behörden, die zuständig sind. Die Folge: Kleine Kommunen mit nur einer Vollzeitkraft in der Verwaltung beispielsweise haben de facto keinen Zugang zu diesen Förderprogrammen, weil die Kapazität fehlt, sich durch den Antragswald zu navigieren. Zwar gibt es in Bayern nun eine Neuauflage der Förderrichtlinie Kommunaler Klimaschutz (KommKlimaFöR 2026). Allerdings betrifft dies nur eine Förderung – die Grünen aber fordern eine Bündelung von bayerischen und Bundes-Förderungen sowie einen „Kombinationsbonus“: Wer mehrere Maßnahmen bündelt, soll einen höheren Fördersatz oder vereinfachte Nachweispflichten erhalten. Denn kombinierte Maßnahmen sind effizienter und ökologisch wertvoller als Einzelmaßnahmen. Zudem soll für jede bayerische Region eine neutrale Anlaufstelle die Kommunen, Planungsbüros und Bauherrinnen und Bauherren bei der Zusammenstellung von Förderanträgen kostenlos beraten.
- Das Fachwissen im Bereich „Wassersensibles Bauen” muss in den entsprechenden Studiengängen sowie in der Aus- und Weiterbildung stärker vermittelt werden, ob bei Dachdecker*innen, Tiefbauer*innen, Spengler*innen oder den kommunalen Planungsämtern, die Bebauungspläne aufstellen, um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Handwerker*innen, Bauingenieur*innen und Architekt*innen durch eine gemeinsame Fachsprache zu stärken. Zudem fordern die Landtags-Grünen eine niedrigschwellige Informationskampagne „Schwammstadt Bayern“ für Bürger*innen und Gewerbetreibende, die konkrete Handlungsmöglichkeiten wie Gründächer, Fassadenbegrünung, Entsiegelung von Vorgärten und Zisternenanlagen sichtbar macht.
- Flächen im öffentlichen Raum müssen so weit wie möglich entsiegelt werden. So soll beispielsweise die sogenannte grün-blaue Infrastruktur*** bei der Überplanung öffentlicher Flächen wie Straßen, Parkplätze, Schulhöfe oder Plätze vorrangig geprüft werden. Es darf sich künftig weniger die Frage stellen: „Wohin mit dem Regenwasser?“, sondern vielmehr: „Wie nutzen wir dieses Regenwasser am besten?“.
Katharina Schulze, MdL, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, erklärt:
„Diese Anträge sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit, nicht nur von uns Grünen, sondern auch von Fachleuten, die jeden Tag mit den Konsequenzen falscher Bauentscheidungen konfrontiert sind. Wenn Architektinnen, Ingenieure, Handwerksmeister und Wasserwirtschaftler gemeinsam sagen: Wir brauchen endlich verbindliche Regeln, wir brauchen eine funktionierende Förderung, wir brauchen Wissen in der Fläche – dann ist das ein drängender Hilferuf aus der Praxis! In Bayern fehlt aber der politische Wille von CSU und Freien Wählern. Sie müssen endlich das Baurecht anpassen und Förderung entbürokratisieren. Sie dürfen die Kommunen nicht länger allein lassen mit einer Aufgabe, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung hat.“
„Im Bereich Bau wird das Thema Wasser bislang noch viel zu wenig berücksichtigt. Wir brauchen vielmehr ein sogenanntes Schwammstadtprinzip, das Begrünung und Regenwassermanagement gezielt miteinander verbindet, um Regenwasser vor Ort zurückzuhalten, versickern zu lassen oder zur Verdunstung und damit Kühlung zu nutzen und damit unsere Städte und Gemeinden klimaresilient zu machen.“
„In Asphalt und Beton kann kein Wasser versickern. Ein Quadratmeter gesunder Boden hingegen kann eine Badewanne voll Wasser aufnehmen – und trägt damit zur Grundwasserneubildung bei.“
Ursula Sowa, MdL, Sprecherin für Baupolitik der Landtags-Grünen, erklärt:
„Unser Grundwasser ist in Gefahr! Die Auswirkungen des Klimawandels nehmen zu, Trockenperioden und Starkregen wechseln sich immer häufiger ab, immer öfter erleben wir fallende Grundwasserstände, ausgetrocknete Bäche und Hochwasser. Jetzt rächt sich, dass die CSU-geführte Staatsregierung diesen massiven Flächenverbrauch und diese Versiegelung unserer Böden jahrzehntelang zugelassen hat und es noch immer tut. Fast nirgends mehr kann Wasser ausreichend versickern, der meiste Regen fließt direkt in die Kanalisation oder gleich in die Bäche und Flüsse. Dann landet der Großteil unseres kostbaren Wassers am Ende im Meer – und ist damit für die Grundwasserneubildung in unseren Böden in Bayern verloren."
„Wasserknappheit ist kein Schicksal, das wir einfach so hinnehmen müssen. Wir können etwas dagegen tun. Es ist die Verantwortung der Bayerischen Staatsregierung, diese wertvolle Ressource zu schützen, sie ist für die großen Hebel zuständig! Aber Ministerpräsident Söder belässt es meist nur bei Ankündigungen. Er hätte längst einen Wasser-Krisenstab einberufen und sofort Maßnahmen einleiten müssen.“
* Das Schwammstadtprinzip beschreibt eine Siedlungsentwicklung, die Regenwasser aufnimmt, zurückhält, speichert, verdunstet und geordnet ableitet – anstatt es so schnell wie möglich in die Kanalisation zu drücken: Beispielsweise Dachbegrünung, die Niederschlag speichert und verdunstet. Und damit die Umgebung kühlt. Zisternen, die Gartenwasser für Trockenphasen sammeln. Versickerungsmulden am Straßenrand, die das Wasser in den Boden lassen. Bäume mit ausreichend Wurzelraum und Wasserversorgung, die bis zu 500 Liter pro Tag verdunsten und damit die Umgebung kühlen. Entsiegelte Vorgärten statt Schotterwüsten. Das alles ist machbar, bezahlbar und handwerklich beherrschbar – wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen und die Förderung funktioniert.
** Die Verbändekooperation „Wassersensibles Planen und Bauen“, bestehend aus DWA-Landesverband Bayern (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall), der Bayerischen Architektenkammer, dem Bayerischer Handwerkstag sowie der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, hat sich zusammengeschlossen mit dem Ziel, die von Wassergefahren betroffenen Kommunen, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger zu beraten und ihnen maßgeschneiderte, wirkungsvolle Lösungen anzubieten und diese fachgerecht auszuführen.
*** Die sogenannte grün-blaue Infrastruktur bezeichnet ein Planungs- und Gestaltungskonzept, das Begrünung und Regenwassermanagement gezielt miteinander verbindet, um Regenwasser vor Ort zurückzuhalten, versickern zu lassen und zur Kühlung zu nutzen, anstatt es möglichst schnell in die Kanalisation abzuleiten – sprich: um Städte und Gemeinden klimaresilienter zu machen. Hintergrundinfo: Aktuell zeigen 77 Prozent der oberflächennahen Grundwassermessstellen in Bayern niedrige bis sehr niedrige Werte, nachdem 2025 mit rund 700 Litern Niederschlag pro Quadratmeter rund ein Viertel weniger Regen fiel als im langjährigen Mittel. Ohne ambitionierten Klimaschutz prognostizieren Klimamodelle für Bayern einen weiteren Temperaturanstieg von bis zu 4,8 Grad Celsius bis Jahrhundertende, verbunden mit spürbar trockeneren Sommern.